»Fließende Materialität« …

28. August 2019

bzw. wie eine »Durchmischung von analogen Drucktechniken
und fortgeschrittener Digitalität« gelingen kann


Wann immer in der Vergangenheit eine Drucktechnik durch eine neuere abgelöst und damit nicht mehr für die gewerbsmäßige Reproduktion von tagesmedialen Texten und Bildern benötigt wurde, haben Künstler – ebenso selbstbewusst wie virtuos – das Erbe angetreten. Damit fiel ihnen auch die Aufgabe der Nachlassverwaltung zu, die meist mit einer gewissen Vereinfachung übernommen wurde und dazu führte, dass die Technik fehement gegen fremde Einflussfaktoren verteidigt wurde. Die etablierten Techniken von Hoch-, Tief-, Flach- und Durchdruck waren in aller Regel sauber voneinander getrennt und durften weder verwechselt noch vermischt werden. Das war auch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (HGB) so, als ich hier 1987 anfing zu studieren. Die Nutzung der beeindruckenden Werkstätten setze einen, stets nacheinander zu absolvierenden Kurs voraus und die einzige Gemeinsamkeit von Holzschnitt-, Handsatz- und Lithografie-Werkstatt schien zu sein, dass sie einen Solnhofer Schiefer als Farbstein benutzten. 

Es bestand auch gar kein Grund zu einer »Durchmischung«. Druckgrafiken aus dieser Zeit wurden in Auflagen um 300 Stück gedruckt und vermutlich auch verkauft, sofern Galerist und Sammler den Autor und die Technik nachvollziehen und das originalgrafische Versprechen erkennen konnten. Dieses Versprechen bestand darin, dass der Künstler den Druckstock bzw. wenigstens die Druckvorlage von Hand bearbeitet und führte in seiner extremsten Form dazu, dass die anschließende Zerstörung des Druckstocks als Nachweis für die »künstliche Verknappung« herhalten musste. 

Neue nun digitale und immer ausgefeiltere Drucktechniken führen dazu, dass es selbst Fachleuten schwer fällt Technik und »originalgrafischen« Charakter der Arbeiten zu erkennen. Kunstbetrachter und Sammler haben sich – nicht zuletzt unter dem Einfluss neuer Medien und Rezeptionsmöglichkeiten – anderen Betrachtungsweisen zugewandt oder huldigen entweder schrillen Ausdrucksformen oder sicherheitshalber solchen Bildwerken, die der klassischen Malerei und Bildhauerei nahe kommen. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass dies weniger aus Absicht und Sachverstand sondern eher aus Verlegenheit passiert und auch eine Folge falsch verstandener »Medienkompetenz« in der Gesellschaft ist. Will sagen: in einer Zeit in dem jedem »User« zum Kunstproduzenten werden kann, weil ihm die gleichen Werkzeuge zur Verfügung stehen, mit denen er kommunizieren, fotografieren, scannen, filmen, plotten, 3D-drucken, lasern, fräsen usw. kann, muss der Wert, der einer wie auch immer »materialisierten« künstlerischen Arbeit zugemessen wird, inflationär fallen.
Die alte, meist konjunktiv gebrauchte Abwehrreaktion »Das kann ich auch«, bekommt eine völlig neue Dimension, die vor allem Kunstmarkt und Kunstbetrachtung durcheinanderbringt und jene Künstler bevorteilt, die etwas machen, was biesher niemand gemacht hat bzw. eben weiterhin nicht jeder kann. 

Das führt uns zu der Frage, ob Kunst notwendig »materialisiert« werden muss, damit sie ausgestellt, vom geneigten Publikum gesehen, wertgeschätzt, vergütet, versichert und letztlich in Sammlungen und Depots verwart werden kann bzw. wie fließend eine solche Materialität sein kann und darf und welche »Speicher« für Kunst angemessen sind. Das konsequente Durchmischen von »analogen Drucktechniken und fortgeschrittener Digitalität« … führt zu unzähligen Möglichkeiten und damit zu interessanten, neuen und alltagstauglichen »Ausgabeverfahren« bzw. »Rezeptionsorten«. 

Lassen Sie mich dies – technisch stark vereinfacht und keineswegs vollständig – am Beispiel des »Tonermaterials« aus Kopierern und Laderdruckern belegen: Wenn die Lithografie dadurch möglich wird, dass eine wie auch immer aufgebrachte Spur aus fett-, harz- oder lackhaltigem Material auf einer hydrophilen Stein- oder Metallplatte druckbar wird, dann eröffnet die Erkenntnis, dass Toner aus modernen Laserdruckern vor allem aus mikros-kopisch feinem und elektrostatisch ansprechbarem Harzpulver besteht, bisher ungenutzte Möglichkeiten, digitale Bilder auf den Stein zu bringen, zu erzeugen bzw. zu modifizieren.
Wenn nun eine solche direkt oder indirekt aufgebrachte Tonerschicht nach entsprechender Behandlung sogar eine scharfe Ätze zulässt, dann taugt das »Verfahren« auch für den Tief- und Hochdruck und lässt wechselseitige Bezüge und beliebige Kombinationen der Techniken zu. Der Unterschied zu etablierten fotografischen Verfahren liegt nicht nur in dem deutlich geringeren Aufwand sondern vor allem in dem mechanisch, chemisch oder elektrostatisch manipulierbaren Zwischenergebnis des unfixierten Tonurbildes. 

Aber auch hier bleibt die Frage, wie bzw. an welcher Stelle des künstlerischen Prozesses die Bilder digitalisiert und weiterverarbeitet werden und an welchem Punkt bzw. auf welche Weise sie wieder ausgegeben = materialisiert werden. Wenn wir beim oben erwähnten Toner bleiben, kann bereits die elektrostatische Aufladung der mittels Laserstrahl beschriebenen »Belichtungseinheit« im Drucker als »bildgebendes Verfahren« verstanden werden, welches bisher nur leider nicht sichtbar bzw. öffentlich ist. Würde ein Künstler an dieser Stelle Einfluss auf die »Druckvorlage« nehmen, müsste das Ergebnis als Unikat bzw. »originalgrafisches« Laserbild betrachtet werden. Erst durch die Übertragung und Fixierung des Toners auf das Trägermaterial wird das Ergebnis zum Druck. Neben mechanischen und chemischen Einflussmöglichkeiten sind beliebige digitale Manipulationen denkbar. 

Ein solches Konzept lässt sich heute auf den dreidimensionalen Raum oder den Film übertragen: 3D-Daten – ganz gleich ob sie durch fotografische oder manuelle Eingabe entstanden sind – lassen sich wie zwei-dimensionale Bilddaten skalieren, verzerren, retuschieren, mit anderen Daten überlagern und in unterschiedlichste Materialien lasern, fräsen oder per 3D-Drucker ausgeben. Die Ergebnisse lassen sich mechanisch, thermisch und chemisch verändern. Der Künstler entscheidet, welcher Zustand einer derart »fließenden Materialität« Bestand haben soll bzw. ob ein »Zustandsdruck« für die künstlerische Auseinandersetzung nötig und gewollt ist. Die Intention ist entscheidend, nicht das Werkzeug oder das Ausgabemedium. 

Die Bandbreite reicht von der simplen Bildbearbeitung, über Computeranimationen, Morphing, Computer Generated Imagery (CGI) bis hin zur Virtual und Augmented Reality. Die notwendige Technik und ihre Bedienoberflächen ändern sich im Jahresrhythmus, lassen sich rasch erlernen, meist für künstlerische Zwecke abwandeln, dann hinreichend beherrschen und sicher auch interessierten Studierenden vermitteln …